• Paul-Pierre Egli

Der Zeitturm in Murten


*nach seinem Artikel: "Konkurrenz für den Zeitturm in Murten" erschienen in "du", November 1973

Die Vorgeschichte

Die ersten Angaben über den Zeitturm von Murten findet man in den Burgermeisterrechnungen der Stadt. Für das Jahr 1450 sind Ausgaben «por le reloge» vermerkt, und 1465 wurden Bauarbeiten an «la tour dou reloge» ausgeführt. Das Uhrwerk selbst wurde 1466 bereits als «antquui horologij», also alt bezeichnet, und es ist anzunehmen, dass es eine Räderuhr war, da im Jahre 1477 Ausgaben für die Uhr notiert sind: für ein Pfund Olivenöl, ein Jahr danach für ein Zifferblatt und den Ersatz der Seile - «vne corde de engin».

Der Zeitglockenturm, später als Zeitglogkenn - Unteres Thor - Berntor bezeichnet, bekam über Jahrzehnte verteilt nach und nach seine Gestalt, und forderte in den drei Jahrhunderten seines Da¬ seins sehr viel Unterhalt. Besonders das Dach mit dem Glockentürmlein musste immer wieder überholt werden.


Abb.1 Kupferstich von M. Merian mit dem alten Zeitturm und dessen Vorwerk, das 1805 abgebrochen wurde.

Die stärksten Beschädigungen erlitt der Turm am 18. Juni 1476 durch die schwere Artillerie Karls des Kühnen, da er im östlichen Teil der Ringmauer das Zentrum der Hauptangriffsfront bildete. Die Berner und Freiburger, welche im Jahr zuvor in Kämpfen gegen den savoyischen Grafen von Romont Murten eroberten und dem Gebiet als ihrer gemeinen Herrschaft vorstanden, verteidigten es mit Erfolg. Vier Tage später holten sie mit Unterstützung von Verbündeten zum Gegenschlag aus.

Die Schwingungen der Glocken und gewiss auch der «lebendige» Baugrund waren für den Turm

heimtückischer als die Kanonenkugeln des Burgunderherzogs.

Im August des Jahres 1775 ordnete der Rat von Murten eine Untersuchung über den Zustand des Glockentürmleins auf dem Turmdach an. Der Murtener Meister Daniel Schorr legte einen Plan vor, dessen Baukostenvorschlag aber unbestimmt war. Daraufhin beschloss der Rat, die Arbeit im Taglohn zu vergeben. Der Meister forderte aber zuviel, und man einigte sich für eine Konkurrenzausschreibung.

Die Arbeiten betrafen nicht nur das Glockentürmlein, sondern der ganze Turm sollte durch Eisenklammern zusammengehalten werden, da das Mauerwerk mit Spalten durchsetzt war.

Im Oktober erteilte man dem Maurermeister Bendicht Brüny den Auftrag, den Turm mit magerem Kalk und gutem Sand zu bestechen, sechs Bindsteine einzusetzen und die Zifferblätter neu zu verankern. Die Erneuerung des Glockentürmleins übergab man dem Zimmermeister Jean-Louis Wuillemin.

Mitte August 1776 war man im Begriff das Türmlein aufzurichten, musste aber feststellen, dass das Mauerwerk das schwere Eichenholz nicht zu tragen vermochte.

Es wurde der Neuenburger Werkmeister Borei zu Rate gezogen, der den sofortigen Abbruch des Turmes bis auf die Ringmauerfirst empfahl. Im Ratsmanual der Stadt Murten ist die Beschlussfassung festgehalten, welche für den alten Zeitglockenturm das Todesurteil bedeutete.

1776 Augusti 12 Herr Burgermeister zeigte an, dass vergangenen Samstag die Ehrsame Stadt und Landes Täll Comission nothig gefunden, dass der Zeit Thurm der First den Ringmauern aben abgebrochen werden, als¬ dann werde es sich erst gründlich erzeigen, ob dieser Thurm gänzlich abgebrochen und vom Fuss auff wiederum auffgebauen werden müsse: und dass ge¬ stern die ausgeschossenen der Stadt und dess Landes solches verdingt, und zwahr den Tachstuhl samt denen beyden oberen Böden an. Mst. Jean Louis Wuillemin dem Zimmermann in Begriff des Deckers.

- Arbeit für 30 Kronen

- dem Maurer Brünj dann um 54 Kronen

Beides wurde von einem Ehrsamen Rath genehmiget. Denen Herren Uhrimacher Abraham, Herrn Schwandt und Grossweibel Zattoury hat ein Ehrsamer Rath die Aufsicht übertragen, dass die Stadtuhr im Zeit Thurm von dem Uhrimacher Brunner und dem Zeit-Reiser Baudenbacher abgebrochen und in den grossen Kirchthurm allso aufgerichtet werde dass sie die 1/4 und Stunden schlage.

Es erwies sich dann als notwendig, den Turm ganz abzubrechen. Für den Schaden wurde sogar ein Schuldiger gefunden - das neue Glockentürmen des Meisters Wuillemin war doch zu schwer! Die Gesinnung dem Meister gegenüber ist auch aus einer Eintragung im Ratsmanual zu entnehmen. 1777 11t: Praeses Mein wohlgeachteter Herr: Stadthalter Vissaula

Nach angehörter Relation der Tall Comittierten und Verlesung der Verhandlung der Tall Comission vom 5. Mertzen 1777 hat ein Ehrsamer Rath die Ausfüehrung dess Zimmermann Wuillemin vor derselben mit höchstem Missfallen vernommen, und wir einen Ehrsamen Rath bey diesem Anlass der Bericht eingegangen, dass dieser Wuillemin ferndrigen Jahrs den Devis dess Thürmleins sehr schlecht ausgefüehret und darzu schlechtes eicht schickenes und ungutes Holz gebrauchet: als nöthiget dieses einen Ehrsamen Rath den Devis dess Tachstuhles dem Meister Daniel Schoor als einem bekannten guten Meister, der solchen um gleichen Preis wie der Wuillemin währschaft gut und haltbar nach Herrn Heblers von Stadt und Land agreiesten und gutgeheissenen Plan auszufertigen sich verpflichtet, anzuvertrauen: zu dem Ende soll Herr Burgermeister per manda tum judieis dem Wuillemin notificieren lassen, dass Er Nichts an diesem Tachstuhl arbeiten.

Der Neubau

Nachdem vom Maurermeister Brüny ein Plan zur Neugestaltung des Turmes vorgelegt wurde, beschloss der Ausschuss der Stadt und Landvertreter der Herrschaft Murten noch zwei weitere Baumeister zur Ausarbeitung von Plänen zu beauftragen, den einen von Bern, den anderen von Neuenburg.

Im Stadtarchiv von Murten ist eine Reihe von Planstudien erhalten. Es liegen fünf verschiedene Arbeiten vor, mit je einer bis drei Varianten, insge¬ samt zehn Ausführungsmöglichkeiten. Eine Eintragung im Ratsmanual von Murten gibt Aufschluss über den Auswahlentscheid.

1776 Novembris: 5ten Praeses Mein hochgeachteter Herr: Schultheiss Progin!

Herr Burgermeister GurnetI hat einen Ehrsamen Rath fürgelegt verschiedene Ihme über den Bauw des Zeit-Thurms eingekommene Plan, und nach vernommener Relation der Herren Comittierten ist dess Herrn Werkmeisters Heblers von Bern eingesandte Plan auserlesen und denen Herren Comittierten auffgetragen worden welches der ehrenden Landschaft zu comunicieren. Dem Herren Burgermelster Gurnell soll anebens auffgetragen seyn, den Herren Werkmeister Hebler dessen ungesäumt zu avisieren, und Ihne zu ersuchen, einen Devis über diesen Bauw zu schicken, und zwar also, im Fahl man darzue gute Steinen in hiesiger Nachbarschaft finden würde, wie viel erfordern nicht findenden Fahls wie dann von Neuenburger Steinen?

Die Ausführung des Baues konnte Hebler nicht selber übernehmen, und die Arbeiten wurden im Februar 1777 einheimischen Meistern übergeben. Die Verfasser der eingereichten Projekte, mit Ausnahme derjenigen von Hebler (Abb. 8) und Brüny (Abb. 3 und 4). welcher auf zwei Blättern drei Va¬ rianten zeigt und unterzeichnet ist, sind nicht sicher bekannt.

Der Vorschlag Abb. 7 gleicht auffallend der Tour de Diesse in Neuenburg mit dem Baujahr 1715. Baumeister Borei aus Neuenburg, welcher bereits Gebäude in Murten erstellte und beim alten Zeitglockenturm als Experte beigezogen wurde, kommt als Verfasser des Projekts, welches auf zwei Blättern je eine Variante zeigt, in Betracht.

Ein weiteres Projekt, wieder aus zwei Blättern bestehend, weist auf der Höhe des Glockentürmchens je zwei Buchstaben auf, NA bei Abb.6 und NB auf dem zweiten Blatt (Abb.5). Es handelt sich kaum um die Signatur, sondern um die Planbezeichnung: Projekt N Variante A respektive Variante B.

Eine Eintragung im Ratsmanual gibt zur Vermutung Anlass, dass dieses Projekt später diskutiert wurde, wobei der Maurermeister Fürst und dessen Schwager Gosteli, welcher die Maurerarbeiten ausführte, hervortreten.

1777 Augusti: 7t: Praeses Herr alt Spithalmeister Fryolet Nach vernommener Relation der Herren Beamten über ihre Beaugenscheinigung des Bauwes des Zeit Thurms und der dabey sich aässernden Inwevenienzen wegen dess Einganges in den Thurm und der Stegen, wie auch des Gewölbs, ob dasselbe nach dem Plan und Devis oder aber ob ein italienisches Gewölbe zu etablieren wäre, hat ein ehrsammer Rath erkennt, es solle der Maurermeister Fürst, mit deme man eigentlich den Devis getroffen, und nicht mit dem Gostely unverzüglich hierhar bescheiden werden, um mit Ihme all übriges Übereins zu kommen, und disses zu bewerkstelligen ist denen Herren Burgermeister Herren Schwand und Heimlicher Mottet übertragen worden, ad referendum.

Diesen drei Herren wurde am fünften August vom Rat die Aufsicht über den Bau des Zeitglokkenturmes übertragen. Es ist anzunehmen, dass über den Plan Heblers harte Diskussionen im Gang waren, da bereits zwei Tage später die erwähnte Ratssitzung einberufen wurde. Bereits am 8.Mai machte der Rat Einsprache wegen des Fundamentes, welches zu weit in die Stadt hineingesetzt worden sei, und die «zu und Vonfahrt» zur welschen Kirche behindere. Er verlangte die Redressierung - ohne Anstand zu effectuieren im Fahl es ja deme allso wäre».

Schon dieser Vorfall, welcher in einer mangelhaf¬ ten Planung begründet ist, musste die Gemüter er¬ hitzen. Wieweit der Verfasser des ersten Projekts Brüny, Fürst oder sogar Gosteli als Urheber dieser italienisch inspirierten Studie in Frage kommen und ob es sich um einen nachträglichen Gegenvorschlag zum Plan Heblers handelt, ist ohne weitere Dokumente nicht abzuklären.

Ein letztes Projekt (Abb. 2) hat eine eigenwillige Formgebung. Der Gesamteindruck erinnert an den abgebrochenen Zeitglockenturm in Freiburg sowie an das Turmdach des dortigen Rathauses. Der Plan ist in drei Blättern überliefert, welche sehr wahr¬ scheinlich ein einziges Format ausmachten und später getrennt wurden. Damit ist auch die Vollständigkeit des Projektes ungewiss.

Das zweite Blatt den Grundriss des Fundazeigt

mentes und einen Vertikalschnitt durch den Hauptkörper des Turmes. Das dritte Blatt schliesslich gibt eine Ansicht des Turmdaches sowie im Schnitt einen Einblick in die Balkenkonstruktion desselben. Hier besteht ein formaler Unterschied gegenüber dem Turmdach auf dem ersten Blatt, und dadurch ergibt sich eine weitere Ausführungsvariante.

Es ist mir bis jetzt nicht gelungen, über den Verfasser dieses Projekts Anhaltspunkte zu finden.

Der Neubau des Zeitglockenturmes dauerte bis in den Sommer 1778. Die Bildhauerarbeiten wurden von David Studer ausgeführt. Meister Rapin zierte die Turmspitze mit Helmstange und zinnernem Knopf. Die Brüder Mottet versahen das Tor mit Beschlägen, Klopfer und Glockenzug mit Draht zum Läuten. Der Devis von Mottet mit der Planskizze für die Beschläge ist im Stadtarchiv von Murten erhalten. Von Nicolaus Schoor wurde die Vergoldung der «Zeit Taffellen» ausgeführt. Für die Herstellung eines neuen Uhrwerks erhielt der «allhiesige Uhrimacher Brunner» den Auftrag vom Rat, einen Devis vorzulegen. Es wurde aber das alte Uhrwerk, welches von den Neuenburger Turmuhrmachern Pierre und David Ducommun im Jahre 1712 gebaut wurde, wieder eingesetzt. Diese prächtige Schmiedearbeit ist abgesehen von wieder verwendetem Baumaterial das einzige, was vom früheren Zeitturm erhalten blieb. Im Land der Zeitglockentürme, wie die Schweiz von Uhrenhistorikern bezeichnet wird, ist das Murtener Uhrwerk eines der schönsten aus dem frühen achtzehnten Jahrhundert, und es erstaunt, wie wenig diese Kostbarkeit bekannt ist.


Abb. 9: Uhrwerk des Zeitglockenturms in Murren mit der Signatur auf dem oberen Werkrahmen: Cette Vorlöge a Eee Falte * Lan 1712 Par les * Freies Pierre * Et David * Du Commun Horloger De La * Chaux de Fonds Bourgeois * De Vallangrin (Aufnahme Peter Sidler)

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